Der Eisbrecher

Der Eisbrecher

 „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen …“ (Lukas 6,27)

Philemaphobie – schrecklich fremdes und kompliziertes Wort. Nein, es meint nicht die Angst vor Filmen oder Konzerthallen. Gemeint ist die Angst zu küssen und geküsst zu werden. Ein Froschkönig-Problem. Dabei gibt es so viele Kussarten: Luftkuss, Handkuss, Eskimokuss (Nasenreiben), Busserl, Krokus und Pferdekuss … 😉 Eins ist klar, Judas – ein Schüler von Jesus – hatte keine Angst vor dem Küssen. Er hat eine Kussart bekannt gemacht: den Verräterkuss.

So und jetzt noch mal von Anfang: Jesus feierte mit seinen Schülern und Freunden, unter denen auch Judas war, in Jerusalem ein religiöses Fest, das Passah. Nach dem Festessen in der Stadt gingen sie zu einem ihrer Lieblingsplätze außerhalb der Stadtmauern: In einen Garten mit dem Namen Ölpresse (‚Getsemane‘) am Ölberg. Jesus zog sich zum Gebet zurück, weil er wusste, dass er viel Kraft für die bevorstehenden Ereignisse brauchte. Er, der Gesandte des Vaters im Himmel, wollte um jeden Preis dessen Willen erfüllen. Seine Freunde waren eingeschlafen. Schließlich weckte Jesus sie auf.

Was war das denn – Feuerschein, schwere Tritte und Waffengeklirre brachte den Adrenalinspiegel der verschlafenen Freunde auf hundert. Wo kam dieses Riesenaufgebot von Militär, Polizei und religiös motivierten Hilfskräften her!? – Judas hatte dafür gesorgt. Einflussreiche Geistliche hatten ihm Geld angeboten, wenn er ihnen helfen würde, den im Volk beliebten Jesus ohne Aufruhr in ihre Gewalt zu bringen. Und er wusste genau, wo Jesus gern hinging.

Mit dem Verhaftungskommando hatte er ein Zeichen abgemacht: „… Der, den ich mit einem Kuss begrüßen werde … den müsst ihr festnehmen“ (Matthäus 26,48) Judas war ein Schüler von Jesus gewesen. Wenn damals ein Schüler seinen Lehrer mit einem Kuss begrüßte, drückte er Wertschätzung, Respekt und Unterordnung aus. Für die Menschen seiner Zeit war dieser Kuss etwas Heiliges. Skrupellos ging er auf seinen Lehrer zu und gab ihm den Schülerkuss. Und Jesus? – „Mein Freund, tu, wozu du gekommen bist!“ (Matthäus 26,50). Kein Kommentar.

Als die, die bei Jesus waren, begriffen, in welcher Absicht die Männer gekommen waren, fragten sie: ‚Herr, sollen wir zum Schwert greifen?‘ Und einer von ihnen ging auch gleich auf den Diener des Hohenpriesters los und schlug ihm …“ zum Glück nicht den Kopf ein, sondern „… das rechte Ohr ab“ (Lukas 22,49-50). Das klingt fast lustig in einer dramatischen Geschichte wie dieser. Das ist so komisch, dass es wahr sein muss! Petrus war wohl kein guter Schwertkämpfer. Und das war auch gut so.

Bei mir kommt da gleich Schadenfreude auf: der böse Malchus, der mit den anderen Männern den unschuldigen Jesus verhaften wollte, hat jetzt nur ein Ohr! Und ich staune umso mehr, wie Jesus reagierte: Sofort hielt er seine hilfsbereiten Freunde an. Der zweite Hieb von Petrus wäre wohl nicht danebengegangen. Jesus rettete Malchus das Leben: „Halt! Hört auf!“, rief er und berührte den verwundeten Malchus. Was war das denn!? Die Wunde blutete nicht mehr. Als Malchus sich an das fehlende Ohr fasste, war es wieder dran!

In einer hasserfüllten Nacht hat Jesus gezeigt, wie man dem Bösen begegnet: mit Liebe. Fast hätten sich die Männer die Köpfe eingeschlagen. Aber Jesus hat mit seiner Liebe förmlich das Eis zwischen den Menschen gebrochen. Kein Schimpfwort, keine Beleidigung hörte der kussfreudige Judas von Jesus. Malchus rettete er vor Petrus` Zorn und dem Dasein eines Versehrten. Gibt es noch irgendeinen Zweifel, wie seine Worte zu verstehen sind: „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen“?

#denkweiter: Die Bibel: Lukas 22,39–53

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